Eines der viel genutzten, aber häufig missverstandenen Schlagworte der letzten Jahre ist wohl der Begriff Resilienz.

Alltagssprachlich wird darunter die Widerstandsfähigkeit von Menschen verstanden, die imstande sind, große Belastungen, Verluste, Traumata oder Lebenskrisen im Allgemeinen zu überwinden. In Zeiten zunehmender Stress- und Überforderungssymptome entsteht manchmal der Eindruck, dass resiliente Menschen einfach unverwundbare Stehaufmännchen/frauchen sind, an denen Stress, Leistungsdruck und Erschöpfung abzuprallen scheinen.

Doch auch wenn der Begriff in unserer individualistischen Leistungsgesellschaft den Anklang von „sei stark“ haben mag, hat Resilienz rein gar nichts mit Einzelkämpfertum zu tun. Was bei der Auseinandersetzung mit Resilienz nämlich häufig übersehen wird, ist, dass sie etwas zutiefst Zwischenmenschliches ist. Schon Emmy Werner, eine der Begründerinnen der Resilienzforschung, sagte einmal auf die Frage, was sich hinter dem Begriff verberge: „Sei ein Freund und suche Dir einen Freund.“ Resilienz entsteht also, wenn Menschen in Beziehung gehen. Im Grunde verbirgt sich dahinter, die Widerstandsfähigkeit gegen die Widerwertigkeiten des Lebens anzukommen. Und dafür brauchen Menschen andere Menschen.

Gerade in herausfordernden Zeiten können wir erleben, wie beruhigend es ist, wenn wir miteinander in Kontakt gehen, miteinander sprechen, uns aneinander anvertrauen. Das heißt nicht, sich von allem Angsteinflößenden und Heraufordernden abzuwenden, sich abzulenken oder das Negative zu negieren. Überforderungen und Verletzungen dürfen und müssen sogar wahrgenommen werden.

Wir müssen diese Widrigkeiten jedoch nicht alleine durchstehen. Die Gewissheit, dass es Menschen im Gegenüber gibt, die für einen da sind und die zuhören, ist nicht nur tröstlich, sondern ein Teil der Bewältigung. Passenderweise sagte einmal der Soziologe Hartmut Rosa: „Menschen geht es gut, wenn sie in Resonanz gehen können.“

Insbesondere in der Beratung im Career Center erfahren wir das fast täglich. Unsere Erfahrung zeigt, dass Resilienz immer dann entsteht, wenn wir als Beraterinnen oder Berater wirklich zuhören. Auch die wissenschaftliche Forschung belegt, dass die Wirksamkeit eines Beraters in 50-70 % in der guten Beziehung besteht. Dabei gilt es, Menschen zuzuhören – und den Geschichten, die sie erzählen. Und sie und auch ihre Geschichten zu würdigen. Nicht mit Mitleid – denn Leid kann man nicht teilen – aber mit Mitgefühl. Und auch Fragen zu stellen, sich wirklich mit der Lebensgeschichte des anderen zu beschäftigen. Und das ist in jeder Art von Beziehung möglich, professionell aber auch familiär.

Menschen fühlen sich dann gesehen und verstanden, wenn man sie dort sieht, wo sie sind. Einige kommen von anderen Standorten als man selbst. Trotzdem kann man ihre Besonderheiten und Unterschiede würdigen und sie als eigenständig denkenden Menschen akzeptieren.

Und besonders in Zeiten mit Corona können wir uns darin üben, gemeinsam resilienter zu sein. Trotz der Entbehrungen und Isolation war die Erfahrung vieler Menschen, dass es eigentlich so wenig bedarf, um zufrieden zu sein. Vieles, das sonst als erstrebenswert gilt, und nicht zuletzt Statussymbole, waren plötzlich obsolet. Stattdessen hatten Austausch, Gespräche und Fürsorge einen viel höheren Stellenwert. Auch wenn wir nicht räumlich nah sein können, so ist es doch manchmal so einfach füreinander da zu sein. Auch wenn wir uns physisch nicht berühren können, so können wir doch geistig zärtlich sein. Das ist eine Fähigkeit der Resilienz: Darauf zu achten, welche Hand ist festgehalten und welche Hand ist frei.

*Dieser Artikel entstand im aus einem Gespräch zwischen Frauke Narjes und Lima Sayed